"Geboren wurde ich als gesundes Mädchen...."
Mein Name ist Annette Jablonski, ich bin 30 Jahre alt und wohne seit ca. 3 Jahren in einer Selbstbestimmten Wohngemeinschaft in Düsseldorf. Ich lebe hier mit drei anderen Körperbehinderten Menschen zusammen. Leider ist meine Aussprache auch sehr eingeschränkt, es fällt mir schwer mich Menschen mitzuteilen, die mich nicht gut kennen. Wir werden im Alltag von einer/einem Assistent/in begleitet, um bei alltäglichen Dingen Unterstützung zu bekommen. Meine Eltern, bei denen ich bis vor drei Jahren lebte, konnten sich nicht vorstellen, dass ich alleine in einer Wohngemeinschaft leben kann. Es war ein hartes Stück Arbeit für mich und meine Eltern, diesen Schritt in ein selbstbestimmteres Leben zu wagen.
Geboren wurde ich als gesundes Mädchen, im ostpreußischen Allenstein. Ich entwickelte mich völlig normal, begann zu krabbeln, konnte sitzen und stehen. Mit acht Monaten bekam ich Fieber. Der Hausarzt meinte, dass es nur eine leichte Erkältung sei, die vorüber ginge. Als das Fieber auf über 40 Grad anstieg, brachte meine Mutter (E. Jablonski) mich in ein Krankenhaus. „Bei den ganzen Untersuchungen wurde aber kein Grund für das Fieber gefunden“, erinnert sich meine Mutter. Ein Arzt hatte Angst, dass es sich um eine Hirnhautentzündung handeln könne. Er wollte auf Nummer sicher gehen und entnahm mir Gehirnflüssigkeit. „Jetzt haben wir zwei Möglichkeiten, warum ich an Cerebralparese leide. Es kann entweder durch das Fieber gekommen sein, oder durch die unsachgemäße Entnahme der Hirnflüssigkeit“, so( E. Jablonski). „Ich habe ein Baby ins Krankenhaus gebracht und eine Puppe wieder abgeholt.“ Damals gab es in Polen kaum Hilfen, an Therapien war nicht zu denken. Die ersten Hilfsmittel für mich hatten meine Eltern noch selbst gebaut. Im Jahr 1991 sind wir nach Deutschland gekommen. Dort hatte ich endlich die Möglichkeit eine Schule für Körperbehinderte zu besuchen.
Mit ungefähr 17 Jahren habe ich in einem Kurort trotz meiner körperlichen und sprachlichen Behinderung ein Hobby gefunden, welches mir sehr viel Spaß bereitet: "Das Malen". Wenn ich male, kann ich meine Spastik und die Probleme, die der Alltag mit sich bringt vergessen. Ich brauche bei vielen Tätigkeiten Hilfe, aber malen kann ich ganz alleine. Ich kann nicht gut sprechen, die Bilder drücken meine Gefühle aus z.B.: Bilder mit viel Schwarz und Rot, bringen meine negative Gefühle zum Ausdruck. Ich male hauptsächlich mit Bügeleisen und Wachsmalstiften in meinem eigenen Atelier. Dabei höre ich zur Unterstützung des schöpferischen Aktes indianisch angehauchte Chill-out-Musik.
Mein Atelier befindet sich im Keller der Wohngemeinschaft. Auf Grund meiner Behinderung, bin ich auf fremde Hilfe angewiesen und es wird wahrscheinlich mein Leben lang so bleiben. Ich habe mich jedoch bemüht, mein Atelier so zu gestalten, dass ich möglichst selbstständig arbeiten kann. Ich glaube mir ist es ganz gut gelungen, das gibt mir ein gutes Gefühl von Unabhängigkeit. Für mich ist das Malen sehr wichtig, es ist für mich eine Chance mich mitzuteilen und über meine Gefühlswelt zu sprechen. Ich habe mir auch immer wieder Gedanken über Verbesserungsmöglichkeiten gemacht z.B.: wie öffne ich ein Farbglas, ohne Hilfe der Assistenz. Dieses Gefühl zu wissen, dass ich unabhängiger werde, dass ich für mich neue Kompetenzräume entdecke, sie mir zugestehe und vieles wage, das alles ist einfach unbeschreiblich für eine behinderte Frau wie mich, die von einer Behinderung betroffen ist.

Ich habe schon viele meiner Bilder auf Ausstellungen präsentieren können z.B. : auf der Reha Messe in Düsseldorf, in einer Universität in Holland, im Rahmen einer Ausstellung des Netzwerks-Frauen mit Behinderung und auch bei mir zu Hause in den Büroräumen des Erdgeschosses. Die Kontakte für die Ausstellungen habe ich stets selber organisiert. Ich bin sehr oft im Internet unterwegs, auf der Suche nach neuen Kontakten und Interessenten. Es waren auch schon Journalisten von der Zeitung bei mir zu Hause um einen Artikel über mich und mein Hobby zu schreiben. In der Zeitung "Selbsthilfe" war ich auf der Titelseite und ein Bericht über mich wurde gedruckt. Durch diese und ähnliche Erlebnisse fühle ich mich als vollwertiger Mensch. Es zeigt auch hoffentlich Menschen mit und ohne Behinderung, dass man trotz starker Einschränkungen eine Menge erreichen kann.
Über zehn Jahre war ich in einer Werkstatt für angepasste Arbeit angestellt. Dort musste ich immer Schrauben für Firmen verpacken. Das letzte Jahr über hatte ich mit psychischen Problemen zu kämpfen, weil ich durch die jahrelange einseitige Belastung meines "stärkeren Armes" einen Sehnenabriss erlitten habe. Leichte Schmerzen hatte ich schon seit einigen Jahren in der Schulter. Ich habe es meist auf meine Spastik geschoben und nicht wirklich ernst genommen. Auch in der Werkstatt für angepasste Arbeit, habe ich meinen Arm über einen langen Zeitraum falsch oder zu sehr belastet. Doch dort sagte man mir nur: "Wer malen kann, kann auch arbeiten."
Ich hatte lange keine Feinmotorik mehr für das Malen. Die Schmerzen wurden schlimmer und ich ließ mich krank schreiben. Ich freute mich nun drei Wochen frei zu haben und mich den Bildern für die nächste Ausstellung widmen zu können. Als dann der Sehnenabriss folgte, konnte ich nicht nur von heute auf morgen nicht mehr malen, sondern brauchte auch noch viel mehr Unterstützung im Alltag. Das alles warf mich natürlich stark zurück. Eine Zeit lang zog ich mich sehr zurück, kam mir nutzlos vor und mir fiel zu Hause die Decke auf den Kopf. Ich fiel in eine tiefes Loch, aus dem ich mich allerdings mit Hilfe unserer Sozialpädagogin, den Assistenten und allen die mir nahe sind, befreien konnte. Wir haben viele Gespräche geführt, die mich wieder aufbauten.
Vor einem Monat war ich für sechs Wochen in einer Rehaklinik in Meerbusch. Dort habe ich Ideen für sinnvolle Hilfsmittel erhalten. Nun habe ich seit ca. einem Monat eine Armunterstützung, die mir ein Assistent aus den Resten eines alten Rollstuhls gebaut hat, welche die Bewegung sehr erleichtert und auch die Schmerzen weniger werden lässt. Ich habe mich entschieden, auf Grund der Schmerzen die durch die Werkstattarbeit entstehen, die Beschäftigung in dieser zu beenden und verfolge nun das Ziel meinem Leben einen Sinn zu geben. Ich hoffe dies durch die Kunst zu erreichen.









